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Seemanns Braut ist die See.

Eine Brückenfahrt mit einem Touri-Dampfer ist spießig und höchst cheesy, klar. Brutal, wie mitleidig hypercoole Studenten am Ufer des Landwehrkanals den mitfahrenden Landratten zulächeln.
Aber: so ein Perpektivenwechsel kann auch interessant sein.
Was zu Fuß zur völligen Erschöpfung führen würde, kann man per Schiff äußerst bequem bekommen: einen Überblick über die Architektur und die Städteplanung im Osten und Westen der Stadt. Da steht die ehemalige Marineverwaltung des dritten Reiches unweit von modernen Stahlgerüstkonstrukten (wie so circa jedes Gebäude in Berlin, wenn man dem Moderator glauben mag, von irgendeinem unheimlich bekannten Architekten gebaut und mit Architekturpreisen nur so überhäuft) und sogenannten Lückenbauten mit neobarocken Elementen. Und wer hätte gedacht, dass auch das so oft geschmähte Neukölln so viele schönen Ecken hat ? Hochaktuell war es auch: schon wenige Meter auf der Spree reichen aus, um den Initiatoren der „Media-Spree versenken“-Initiative sämtliche Vermögenswerte überschreiben zu wollen: diese Freiräume MÜSSEN erhalten werden. Nicht nur der alternativen Kultur wegen, die in den Lücken wuchert. Sondern der Selbstherrlichkeit wegen, mit der die Investoren dort auftreten. Manifest dessen: eine ungefähr 15-20 Meter große Lücke in der East-Side-Gallery, durch die man einen unbehelligten Blick auf den Koloss namens O²-World hat. Betreiber Anschutz bestand darauf, ebenso wie auf einen eigenen Anleger an der Spree.
Gegen die Mauer helfen nur Kapitalisten – das ist dann doch tief traurig.

12 Freunde sollt ihr sein.

Optimistisch war ich nicht. Nicht nach dieser Vorbereitung, nicht nach den elenden Wochen des Wartens auf den Erlöser in Gestalt eines countryhörenden Riesen, den man in Zivil locker für einen Stellvertreter der so oft zitierten White Trash-People halten könnte. Das Quali-Turnier in Athen war stark besetzt, neben C-Klasse-Teams (Kapverdische Inseln) gab es starke B-Klasse (Brasilien, Puerto Rico, Kroatien, Slowenien) und absolute Weltklasse (Griechenland). Mittendrin ein deutsches Team, dessen Stärke schwer einzuschätzen war. Klar, ein Nowitzki in Normalform würde unumstrittener Go-to-Guy sein, aber hinter dem Rest stand ein dickes Fragezeichen. Hinter den Playmakern Hamann und Roller, die beide in knappen Situationen, vor allem in Kombination mit gegerischer Full Court Press, Turnover über Turnover produzieren. Hinter der nach dem Ausfall von Okulaja quasi verwaisten 3. Hinter Patrick Femerling, der zwar national dominierte, aber international einfach kein Faktor mehr ist. Und schließlich hinter Chris Kaman, der weder genug Zeit hatte sich an die Mannschaft und ihre Spielzüge, noch an die FIBA-Regeln sowie die FIBA-Schiris zu gewöhnen.
Betrachtet man diese Ansammlung von Problemen, ist der Erfolg gar nicht hoch genug einzuschätzen. Dass Nowitzki brillierte und Kaman sofort zu einem entscheidenden Mann wurde, kann man als normal abhaken. Wie Kaman aber innerhalb der Gruppe aufgenommen wurde, wie der Rekordnationalspieler Femerling ohne zu Murren Platz auf der Bank nahm, das spricht für die gute Chemie innerhalb der Mannschaft. Wie Hamann, Roller und Greene den so oft geäußerten Vorwürfen, sie würden sich hinter Dirk Nowitzki (und neuerdings Kaman) verstecken, entgegneten, spricht für ein gutes Selbstvertrauen. Und auch Dirk Bauermann erwies sich bei diesem Turnier als über jeden Zweifel erhaben. Den mosernden Jan Jagla, der seine wenigen Einsatzchancen nicht nutzen konnte, ließ er zurecht links liegen. Sehr erfolgreich ließ er auch unkonventionelle Aufstellungen spielen (Hamann UND Roller). Er baute Spieler wie Konrad Wysocki zu soliden Rädchen in der Maschinerie auf. Nur deswegen konnte Nowitzki seinen großen Traum wahrmachen. Nur deswegen können wir uns auf Duelle gegen Spanien, Griechenland und die USA freuen. Auch wenn in Peking nicht viel zu holen sein wird – dabei sein ist bei Olympia ja bekanntlich alles.*

*Zur Beruhigung: Beim Schreiben dieser Zeilen hat das Phrasenschwein natürlich geklingelt.

Vize.

Während auf der Fanmeile die derangierte Nationalelf von pubertierenden Kreischmaschinen abgefeiert wird, ist es an der Zeit die Leistung der Nationalmannschaft einzuordnen. Vorab mal ein paar Stimmen zum Finale:

„Deutschlands bestes Argument war es, Deutschland zu sein, aber das hat nicht gereicht.“ (L‘Equipe)

„Die Spanier brauchten 20 Minuten, um ins Spiel zu kommen. Dann haben sie sich auf Kosten einer deutschen Mannschaft amüsiert, die an diesem Abend nichts in die Waagschale zu werfen hatte.“(Liberation)

„Luis Aragones ist wirklich ein Meisterwerk gelungen. Die Deutschen sind zwar sowohl vom physischen als auch vom technischen Standpunkt stärker. Die Wahrheit ist aber, dass sie niemals wirklich konkrete Chancen aufgebaut und ausgenutzt haben.“(Gazzetta dello Sport)

Ja, das ist tatsächlich die Wahrheit. Wenn man sich fragt, woran das liegt, kommt man an 2 Personen nicht vorbei: Bernd Schneider und Joachim Löw.
Schneider fehlte dem Team an allen Ecken und Enden. Sein Spielwitz, seine Routine und seine technische Sicherheit wurden schmerzlich vermisst. Und sein Fehlen führte zu einer personellen Entscheidung, die offenbarte wo die womöglich größte Schwäche liegt: im Trainerstab.
Lukas Podolski auf die linke Mittelfeldseite zu stellen, kann vielleicht in Spielen gegen klar schwächere Gegner eine Notlösung sein. An dieser Variante dauerhaft festzuhalten, war Harakiri. Nur deswegen wirkte Philipp Lahm des öfteren überfordert: er musste Abwehrarbeit für zwei verrichten, denn Podolski war dazu weder willens noch in der Lage. Warum Löw den in der letzten Saisonphase starken Tim Borowski auf der Bank versauern ließ, statt ihn diesen Part ausüben zu lassen, bleibt ein Rätsel. Und für Podolski wäre Platz geblieben, hätte der Bundestrainer aus der Vorrunde nicht den falschen Schluß gezogen, die Doppel-Sechs dauerhaft zu installieren. Im Portugal-Spiel sicherlich berechtigt und wirkungsvoll, erwies sich diese taktische Ausrichtung schon gegen die Türkei als nicht sinnvoll. Die Mitte zu stärken, über die die Türken ohnehin nicht kommen wollten (was aus der Aufstellung ersichtlich war), und die linke Seite mit ihren bekannten Schwächen zu entblößen – das passiert keinem großen Trainer. Schon hier hätte Löw auf das 4-4-2 mit hängender Spitze umstellen müssen, gerade auch um zu erreichen, was Löw selbst immer wieder propagiert: die Kontrolle über das Spiel. Die defensive Ausrichtung führte jedoch dazu, dass Klose überhaupt keine Anbindung an das Spiel fand. Aus dem Mittelfeld kamen keine nennenswerten offensiven Reize – ein Michael Ballack, als Quasi-Spielgestalter aufgestellt, schaffte es nie den Part etwa eines Xavi oder Iniesta zu spielen. Das ist auch nicht seine Stärke. Ein guter Trainer erkennt das, und stellt ihn auch dementsprechend auf. Löw sollte genau hinschauen, was Luiz Felipe Scolari nächste Saison macht.
Neben den taktischen Fehlern riefen auch die Einwechslungen Kopfschütteln hervor. David Odonkor gegen die Kroaten zu bringen, war ganz großer Humor. Was hätte der bitte gegen die starken Außenspieler ausrichten sollen ? Die gestrige Einwechslung Kevin Kuranyis war ein Zeichen der Ohnmacht. Ein grober Fehler dazu. Schließlich konnten die Zuschauer kurz vorher beobachten, wie die Spanier eventuell zu knacken wären – mit schnellen Vorstößen über die Außen. Oliver Neuville hätte die Verteidigung mit seiner Antrittsschnelligkeit und seiner Cleverness vor Probleme stellen können. Kuranyi, der nach Bällen hechtete, die nicht bei ihm ankamen, ließ nicht eine Locke von Puyol in Unordnung geraten.
Rückblickend ist es fast schon unbegreiflich, wie die deutsche Elf es wieder einmal ins Finale geschafft hat. Auf alle Fälle aber trotz Löw, nicht wegen ihm. Sicher, er ist noch jung, er wird mit der Mannschaft wachsen. Das Losglück ist uns auch in der WM-Quali hold geblieben, also werden wir 2010 nach Südafrika fahren. Ob man bei diesem Turnier dann aber so bewundernd von Löw sprechen wird, wie man es spätestens seit dieser EM etwa von Guus Hiddink tut ? Ich bezweifle es.

Meister !

Alba Berlin ist deutscher Meister. Nach einer wirklich schwierigen Saison lief das Team in der wichtigen Endphase endlich rund, und schloss die Playoffs mit souveränen 9:2 Siegen als verdienter Meister ab. Nach 5 Jahren konnte Alba also wieder das große Potenzial nutzen, das dem Branchenprimus zur Verfügung steht – das gilt es jetzt auch auf die internationale Ebene zu übertragen. Vorher gilt es allerdings, sich abzeichnende Probleme offensiv anzugehen.
Mit dem Einzug in die EuroLeague ist höchstwahrscheinlich der Umzug in die O²-World nahe des Ostbahnhofes verbunden. Diese 17.000 Zuschauer fassende Arena zu füllen, dürfte ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Die Aussicht auf gähnende Leere und schlechte Stimmung auf den Rängen weckt jetzt schon den Unmut der Fans.
Ein ebenso heißes Eisen ist die Personalpolitik. Gerüchte um eine Verpflichtung von Steffen Hamann halten sich hartnäckig. Der Nationalspieler ist unter Berliner Fans ungefähr so beliebt wie alkoholfreies Bier, Spiele in der Max-Schmeling-Halle gerieten für Steffi immer zu Spießrutenläufen. Auch werden seine Qualitäten als Point Guard stark angezweifelt, vor allem sein Distanzwurf ist legendär schlecht.
Trotz der glücklichen Hand bei der Verpflichtung von Nadjfei und McElroy darf nicht vergessen werden, dass mit sehr schlechten Transfer wie denen von Bradley, Thompson, Stefanovic und Subotic sehr viel Geld verbrannt wurde. Das darf Alba unter keinen Umständen noch einmal passieren. Baustellen gibt es genug – es fehlen (wenn man annimmt, dass auf der 1 das Duo Hamann/Brown spielt, was bei beiden ja noch nicht sicher ist) auf jeden Fall noch ein Center, der gut genug ist in der Starting-5 zu stehen, damit der alternde Patrick Femerling entlastet werden kann. Weiterhin besteht Bedarf auf den Flügelpositionen. Ob wir Nikolic und Doijcin nächstes Jahr wiedersehen, ist unklar. Beide haben in Bestform sicherlich internationales Format, konnten diese aber nicht konstant abrufen. Nadjfei, der sicher wieder mehr auf der 4 spielen darf, wird nicht jünger. Hier muss Alba einen richtigen Kracher verpflichten. Ein Kaliber wie Jan Jagla etwa, der aber wohl nicht zu bezahlen sein dürfte, spielte der doch eine sehr gute Saison beim Uleb-Cup & Copa del Rey-Gewinner Joventut Badalona.
Trotz des Meistertitels steht Baldi & Co. also viel Arbeit ins Haus, damit die nächste Saison vielleicht noch erfolgreicher wird als 2008. Abschließend ein paar Bilder, die Herr P. von der Meisterfeier der Albatrosse schoss. Herrschaftszeiten, ist Patrick Femerling groß.

Ich wollte doch nur abwaschen.

Abseits allen „Und dafür zahl‘ ich Gebühren“-Gejammers: Es war höchst erschreckend, was für ein Bild der öffentlich-rechtliche Politjournalismus da am Sonntagabend von sich abgab. Anne Will hatte zum Thema „Alles auf rot – warum nicht mit der Linken?“ geladen. Es sollte also um die Koalitionsfähigkeit der Linken, vor allem im Bund gehen. Vor allem angesichts der Stasi-Anschuldigungen gegen Gregor Gysi und der Auseinandersetzung um die eventuelle Unterstützung Gesine Schwans durch die Linke ein aktuelles Thema.(Übrigens: Findet es denn keiner komisch, dass sich die gesamte bürgerliche Mitte über eine eventuelle Unterstützung der Linken für Schwan fürchterlich aufregt, während die Stimmen der NPD für Köhler anscheinend gern genommen werden ?)
Mit Wowereit, Beckstein und Lafontaine hatte die Redaktion immerhin drei politische Schwergewichte geladen, die sich auch genüßlich, aber in weiten Teilen durchaus sachlich duellierten. In Hochform präsentierte sich der Regierende Bürgermeister, der es besonders auf den rhetorisch unterlegenen bayrischen Ministerpräsidenten abgesehen hatte. Die Einladung Wendelin von Bochs, Aufsichtsratsmitglied des saarländischen Unternehmens Villeroy & Boch, war jedoch eine Fehlkalkulation. Seine vorgesehene Rolle war klar: Ein tradionalistischer Unternehmer alter Schule („Uns gibt es jetzt seit 1748″), der die Bedenken des schaffenden Mittelstandes gegen die drohende Regierungsbeteiligung der Linken artikulieren sollte. Dass er dabei noch ein persönliches Hühnchen mit Lafontaine, den er aus dem Saarland kennt, zu rupfen hatte, gab der Veranstaltung wenigstens einen komödiantischen Touch . „Sie haben sich verändert, irgendein Teufel ist in sie gefahren“, stammelte er den sichtlich amüsierten Fraktionsvorsitzenden an. Seine halbgaren Argumente, die alle aus den düstersten Untiefen der neoliberalen Think Thanks stammen („In diesem Land wird auf hohem Niveau gejammert“ etc.pp.), waren dann aber doch extrem ärgerlich.
Gänzlich unerträglich wurde die Angelegenheit dann aber durch die neu hinzugefügte und zurecht vielkritisierte Institution der „Betroffenencouch“. Der Auftritt des gemütlichen bayrischen Gewerkschafters, der von der CSU zur Linken gewechselt ist, war langweilig und verzichtbar. Der einzige Erkenntnisgewinn war wohl der, dass man auch als hochbezahlte Moderatorin unfassbar unprofessionell vorbereitet sein kann, um das dann auch noch zu zeigen (bezugnehmend auf einen Einspieler, in dem der Gast beim Stimmenfang in Schweinfurt zu sehen ist: „Ja, sie engagieren sich ja auch, man sieht, sie helfen sogar dabei … alles mögliche auszufüllen“).
Viel schlimmer dann aber die Einladung Eva-Marie Neumanns. Bei allem Respekt für ihre persönliche Leidensgeschichte, die sie als Opfer des SED-Regimes sicher schwer gezeichnet hat. Nichts, wirklich gar nichts rechtfertigt das Wegsperren von Menschen wegen des Versuches, aus einem Land zu emigrieren. Aber: mit dem Thema des Abends hatte dies wenig bis gar nichts zu tun. Sicher, die Aufarbeitung der Verwicklung von aktuellem Personal der Linken in Verbrechen der DDR gegen ihre eigenen Bürger hat höchste Priorität – aber diese Auseinandersetzung erfolgt und ist ein ebenso schwieriger Prozess wie es die Wiedereingliederung von NS-Kollaborateuren in die demokratischen Parteien der Nachkriegs-BRD war. Von dieser Frage eine Tolerierung einer Regierungsbeteiligung der Linken abhängig zu machen, ist für mich unter Umständen sogar auch verständlich (wenn auch in den meisten Fällen in höchstem Maße heuchlerisch). Für den Fall einer Regierungsbeteiligung aber „DDR light“ zu prophezeien, ist schlichtweg absurd und schürt Vorurteile gegen eine Partei, die – wie sonst vielleicht nur die Grünen in früheren Jahren – schon eine radikale Abkehr von vielen Inhalten durchgeführt hat, um Realpolitik machen zu können. In Schwerin, in Berlin und auf kommunaler Ebene. Das nicht anzuerkennen, und die Verbrechen eines Sytems, zu dem 99% der Linken nicht zurück wollen, als Hauptargument gegen eine Regierungsbeteiligung dieser Partei zu machen, zeugt von intellektueller Armut. So platt ist ja nicht mal Günther Beckstein. Obwohl, doch. Er bemühte mal wieder Christel Wegner. Richtig, die Alte mit dem Sockenschuss. Aber um das mal klarzustellen: Ja, nach einer Revolution wäre die Einrichtung eines Geheimdienstes notwendig. Jeder Staat hat einen, sogar – Überraschung! – unsere gute BRD. Aber nein, er sollte um Himmels willen bitte nicht im Geringsten irgendetwas mit der Stasi gemein haben. Er sollte transparent sein, demokratisch legitimiert und überwacht, und überall die Menschenrechte achten. Also auch bitte nichts mit dem BND gemein haben. Aber das nur nebenbei. Für diese in verkrusteten Denkstrukturen verhaftete Frau eine ganze Partei in Sippenhaft zu nehmen, ist zumindestens problematisch. Denn das Stalinisten in der Linken keine Chance haben, sieht man schon daran, dass Sara Wagenknecht der Weg in das Präsidium mit der (absurden) Anschuldigung verwehrt wurde, sie würde sich nicht vom Stalinismus abgrenzen.
Bevor ich den roten Faden jetzt komplett verliere: Anne Will bitte absetzen. Und die Redation vor die Tür.

Nachtrag: Das sagt Spon dazu. Da fällt mir dann aber wirklich nichts mehr ein.