Vize.

Während auf der Fanmeile die derangierte Nationalelf von pubertierenden Kreischmaschinen abgefeiert wird, ist es an der Zeit die Leistung der Nationalmannschaft einzuordnen. Vorab mal ein paar Stimmen zum Finale:

„Deutschlands bestes Argument war es, Deutschland zu sein, aber das hat nicht gereicht.“ (L‘Equipe)

„Die Spanier brauchten 20 Minuten, um ins Spiel zu kommen. Dann haben sie sich auf Kosten einer deutschen Mannschaft amüsiert, die an diesem Abend nichts in die Waagschale zu werfen hatte.“(Liberation)

„Luis Aragones ist wirklich ein Meisterwerk gelungen. Die Deutschen sind zwar sowohl vom physischen als auch vom technischen Standpunkt stärker. Die Wahrheit ist aber, dass sie niemals wirklich konkrete Chancen aufgebaut und ausgenutzt haben.“(Gazzetta dello Sport)

Ja, das ist tatsächlich die Wahrheit. Wenn man sich fragt, woran das liegt, kommt man an 2 Personen nicht vorbei: Bernd Schneider und Joachim Löw.
Schneider fehlte dem Team an allen Ecken und Enden. Sein Spielwitz, seine Routine und seine technische Sicherheit wurden schmerzlich vermisst. Und sein Fehlen führte zu einer personellen Entscheidung, die offenbarte wo die womöglich größte Schwäche liegt: im Trainerstab.
Lukas Podolski auf die linke Mittelfeldseite zu stellen, kann vielleicht in Spielen gegen klar schwächere Gegner eine Notlösung sein. An dieser Variante dauerhaft festzuhalten, war Harakiri. Nur deswegen wirkte Philipp Lahm des öfteren überfordert: er musste Abwehrarbeit für zwei verrichten, denn Podolski war dazu weder willens noch in der Lage. Warum Löw den in der letzten Saisonphase starken Tim Borowski auf der Bank versauern ließ, statt ihn diesen Part ausüben zu lassen, bleibt ein Rätsel. Und für Podolski wäre Platz geblieben, hätte der Bundestrainer aus der Vorrunde nicht den falschen Schluß gezogen, die Doppel-Sechs dauerhaft zu installieren. Im Portugal-Spiel sicherlich berechtigt und wirkungsvoll, erwies sich diese taktische Ausrichtung schon gegen die Türkei als nicht sinnvoll. Die Mitte zu stärken, über die die Türken ohnehin nicht kommen wollten (was aus der Aufstellung ersichtlich war), und die linke Seite mit ihren bekannten Schwächen zu entblößen – das passiert keinem großen Trainer. Schon hier hätte Löw auf das 4-4-2 mit hängender Spitze umstellen müssen, gerade auch um zu erreichen, was Löw selbst immer wieder propagiert: die Kontrolle über das Spiel. Die defensive Ausrichtung führte jedoch dazu, dass Klose überhaupt keine Anbindung an das Spiel fand. Aus dem Mittelfeld kamen keine nennenswerten offensiven Reize – ein Michael Ballack, als Quasi-Spielgestalter aufgestellt, schaffte es nie den Part etwa eines Xavi oder Iniesta zu spielen. Das ist auch nicht seine Stärke. Ein guter Trainer erkennt das, und stellt ihn auch dementsprechend auf. Löw sollte genau hinschauen, was Luiz Felipe Scolari nächste Saison macht.
Neben den taktischen Fehlern riefen auch die Einwechslungen Kopfschütteln hervor. David Odonkor gegen die Kroaten zu bringen, war ganz großer Humor. Was hätte der bitte gegen die starken Außenspieler ausrichten sollen ? Die gestrige Einwechslung Kevin Kuranyis war ein Zeichen der Ohnmacht. Ein grober Fehler dazu. Schließlich konnten die Zuschauer kurz vorher beobachten, wie die Spanier eventuell zu knacken wären – mit schnellen Vorstößen über die Außen. Oliver Neuville hätte die Verteidigung mit seiner Antrittsschnelligkeit und seiner Cleverness vor Probleme stellen können. Kuranyi, der nach Bällen hechtete, die nicht bei ihm ankamen, ließ nicht eine Locke von Puyol in Unordnung geraten.
Rückblickend ist es fast schon unbegreiflich, wie die deutsche Elf es wieder einmal ins Finale geschafft hat. Auf alle Fälle aber trotz Löw, nicht wegen ihm. Sicher, er ist noch jung, er wird mit der Mannschaft wachsen. Das Losglück ist uns auch in der WM-Quali hold geblieben, also werden wir 2010 nach Südafrika fahren. Ob man bei diesem Turnier dann aber so bewundernd von Löw sprechen wird, wie man es spätestens seit dieser EM etwa von Guus Hiddink tut ? Ich bezweifle es.