Ich wollte doch nur abwaschen.

Abseits allen „Und dafür zahl‘ ich Gebühren“-Gejammers: Es war höchst erschreckend, was für ein Bild der öffentlich-rechtliche Politjournalismus da am Sonntagabend von sich abgab. Anne Will hatte zum Thema „Alles auf rot – warum nicht mit der Linken?“ geladen. Es sollte also um die Koalitionsfähigkeit der Linken, vor allem im Bund gehen. Vor allem angesichts der Stasi-Anschuldigungen gegen Gregor Gysi und der Auseinandersetzung um die eventuelle Unterstützung Gesine Schwans durch die Linke ein aktuelles Thema.(Übrigens: Findet es denn keiner komisch, dass sich die gesamte bürgerliche Mitte über eine eventuelle Unterstützung der Linken für Schwan fürchterlich aufregt, während die Stimmen der NPD für Köhler anscheinend gern genommen werden ?)
Mit Wowereit, Beckstein und Lafontaine hatte die Redaktion immerhin drei politische Schwergewichte geladen, die sich auch genüßlich, aber in weiten Teilen durchaus sachlich duellierten. In Hochform präsentierte sich der Regierende Bürgermeister, der es besonders auf den rhetorisch unterlegenen bayrischen Ministerpräsidenten abgesehen hatte. Die Einladung Wendelin von Bochs, Aufsichtsratsmitglied des saarländischen Unternehmens Villeroy & Boch, war jedoch eine Fehlkalkulation. Seine vorgesehene Rolle war klar: Ein tradionalistischer Unternehmer alter Schule („Uns gibt es jetzt seit 1748″), der die Bedenken des schaffenden Mittelstandes gegen die drohende Regierungsbeteiligung der Linken artikulieren sollte. Dass er dabei noch ein persönliches Hühnchen mit Lafontaine, den er aus dem Saarland kennt, zu rupfen hatte, gab der Veranstaltung wenigstens einen komödiantischen Touch . „Sie haben sich verändert, irgendein Teufel ist in sie gefahren“, stammelte er den sichtlich amüsierten Fraktionsvorsitzenden an. Seine halbgaren Argumente, die alle aus den düstersten Untiefen der neoliberalen Think Thanks stammen („In diesem Land wird auf hohem Niveau gejammert“ etc.pp.), waren dann aber doch extrem ärgerlich.
Gänzlich unerträglich wurde die Angelegenheit dann aber durch die neu hinzugefügte und zurecht vielkritisierte Institution der „Betroffenencouch“. Der Auftritt des gemütlichen bayrischen Gewerkschafters, der von der CSU zur Linken gewechselt ist, war langweilig und verzichtbar. Der einzige Erkenntnisgewinn war wohl der, dass man auch als hochbezahlte Moderatorin unfassbar unprofessionell vorbereitet sein kann, um das dann auch noch zu zeigen (bezugnehmend auf einen Einspieler, in dem der Gast beim Stimmenfang in Schweinfurt zu sehen ist: „Ja, sie engagieren sich ja auch, man sieht, sie helfen sogar dabei … alles mögliche auszufüllen“).
Viel schlimmer dann aber die Einladung Eva-Marie Neumanns. Bei allem Respekt für ihre persönliche Leidensgeschichte, die sie als Opfer des SED-Regimes sicher schwer gezeichnet hat. Nichts, wirklich gar nichts rechtfertigt das Wegsperren von Menschen wegen des Versuches, aus einem Land zu emigrieren. Aber: mit dem Thema des Abends hatte dies wenig bis gar nichts zu tun. Sicher, die Aufarbeitung der Verwicklung von aktuellem Personal der Linken in Verbrechen der DDR gegen ihre eigenen Bürger hat höchste Priorität – aber diese Auseinandersetzung erfolgt und ist ein ebenso schwieriger Prozess wie es die Wiedereingliederung von NS-Kollaborateuren in die demokratischen Parteien der Nachkriegs-BRD war. Von dieser Frage eine Tolerierung einer Regierungsbeteiligung der Linken abhängig zu machen, ist für mich unter Umständen sogar auch verständlich (wenn auch in den meisten Fällen in höchstem Maße heuchlerisch). Für den Fall einer Regierungsbeteiligung aber „DDR light“ zu prophezeien, ist schlichtweg absurd und schürt Vorurteile gegen eine Partei, die – wie sonst vielleicht nur die Grünen in früheren Jahren – schon eine radikale Abkehr von vielen Inhalten durchgeführt hat, um Realpolitik machen zu können. In Schwerin, in Berlin und auf kommunaler Ebene. Das nicht anzuerkennen, und die Verbrechen eines Sytems, zu dem 99% der Linken nicht zurück wollen, als Hauptargument gegen eine Regierungsbeteiligung dieser Partei zu machen, zeugt von intellektueller Armut. So platt ist ja nicht mal Günther Beckstein. Obwohl, doch. Er bemühte mal wieder Christel Wegner. Richtig, die Alte mit dem Sockenschuss. Aber um das mal klarzustellen: Ja, nach einer Revolution wäre die Einrichtung eines Geheimdienstes notwendig. Jeder Staat hat einen, sogar – Überraschung! – unsere gute BRD. Aber nein, er sollte um Himmels willen bitte nicht im Geringsten irgendetwas mit der Stasi gemein haben. Er sollte transparent sein, demokratisch legitimiert und überwacht, und überall die Menschenrechte achten. Also auch bitte nichts mit dem BND gemein haben. Aber das nur nebenbei. Für diese in verkrusteten Denkstrukturen verhaftete Frau eine ganze Partei in Sippenhaft zu nehmen, ist zumindestens problematisch. Denn das Stalinisten in der Linken keine Chance haben, sieht man schon daran, dass Sara Wagenknecht der Weg in das Präsidium mit der (absurden) Anschuldigung verwehrt wurde, sie würde sich nicht vom Stalinismus abgrenzen.
Bevor ich den roten Faden jetzt komplett verliere: Anne Will bitte absetzen. Und die Redation vor die Tür.

Nachtrag: Das sagt Spon dazu. Da fällt mir dann aber wirklich nichts mehr ein.